Neues Jahr, altes Ich – warum Selbstoptimierung selten ehrlich ist
- info383497
- 28. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Der Jahreswechsel hat etwas Merkwürdiges. Kaum ist der letzte Keks gegessen und der Glühwein halbwegs aus dem System, verwandeln sich viele Menschen kollektiv in Projektleiter ihres eigenen Lebens.
Ab jetzt wird alles besser. Klarer. Leichter. Erwachsener. Ab jetzt weiß man, wie Beziehung geht, wie Selbstliebe funktioniert und was man eigentlich vom Leben will.
Auffällig ist nur: Zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Januar passiert – nichts.
Keine neue Persönlichkeit. Keine innere Klarheit. Kein emotionales Update.
Aber der Druck ist da und der ist jedes Jahr erstaunlich zuverlässig.

Weihnachten ist vorbei. Die Gefühle leider nicht.
Weihnachten hinterlässt selten inneren Frieden. Eher eine Art emotionales Handgepäck, das man mit ins neue Jahr trägt.
Unausgesprochene Gespräche.
Blicke, die länger hängen geblieben sind als geplant.
Paare, die tapfer durchgezogen haben.
Singles, die tapfer erklärt haben, dass sie es wirklich genießen, allein zu sein.
Trennungen, die offiziell abgeschlossen sind – innerlich aber noch immer mitfahren.
Und dann kommt der Jahreswechsel und sagt sinngemäß:
So und jetzt bitte neu. Frisch. Positiv.
Als ließen sich innere Prozesse mit einem Feuerwerk beeindrucken.
„Neues Jahr, neues Glück“ – der freundlichste Vorwurf der Welt
Dieser Satz klingt harmlos. Ist er aber nicht.
Denn was er leise transportiert, ist die Botschaft: Wenn dein Leben sich jetzt nicht verbessert, wenn du dich nicht hoffnungsvoller fühlst, wenn du innerlich noch genauso müde bist wie im Dezember –dann liegt das offenbar an dir.
Andere kriegen das ja auch hin.
Spätestens Anfang Januar entsteht dieses diffuse Gefühl, schon wieder hinterherzuhinken.
Im eigenen Leben. Im eigenen Jahr.
Selbstoptimierung – die elegante Form, sich selbst nicht zu mögen
Selbstoptimierung hat ein gutes Image. Sie klingt nach Entwicklung, Bewusstsein, Wachstum.
In der Praxis bedeutet sie oft etwas anderes: ein dauerhaftes inneres Korrigiertwerden.
Nicht schlecht genug, um stehenzubleiben. Nicht gut genug, um anzukommen.
Gerade kluge, reflektierte, sensible Menschen sind darin erstaunlich geübt. Sie analysieren sich präzise. Verstehen ihre Muster. Kennen ihre Baustellen.
Und übersehen dabei manchmal das Offensichtliche: Sie behandeln sich selbst wie ein Projekt, das nie fertig werden darf.
Die Nicht-Vorsätze – Entwicklung ohne Schablone
Nicht-Vorsätze sind kein Rückzug ins Bequeme und auch kein „Dann lasse ich eben alles so, wie es ist“.
Sie sind eine bewusste Entscheidung gegen Entwicklung nach Vorlage. Gegen diese merkwürdige Idee, man müsse sich zum Jahresbeginn neu formatieren, damit man besser funktioniert, leichter einzuordnen ist und möglichst wenig aneckt.
Erwachsenwerden heißt nicht, sich gesellschaftstauglich zu machen. Es heißt, Verantwortung für sich zu übernehmen – auch dann, wenn das nicht in eine saubere Schablone passt.
Vielleicht geht es im neuen Jahr nicht darum, noch reflektierter, noch gelassener oder noch „gesünder“ zu werden.
Vielleicht geht es darum, sich nicht mehr reflexhaft zu korrigieren, nur weil etwas nicht normgerecht wirkt.
Nicht-Vorsätze bedeuten: sich entwickeln, ohne sich zu verbiegen. Wachsen, ohne sich selbst glattzuschleifen und aufzuhören, sich ständig zu fragen, ob man so, wie man gerade ist, noch durchgeht.
Ein Themenfokus statt ein komplett neues Ich
Statt großer Pläne, Vision Boardsund innerer To-do-Listen, reicht manchmal ein einziger ehrlicher Fokus.
Kein schöner. Kein vorzeigbarer. Ein wahrer.
Nicht: “Ich will glücklicher werden“ sondern vielleicht: “Ich will mir weniger vormachen.“
Nicht: "Ich will bessere Beziehungen" sondern: “Ich will früher merken, wenn ich mich verbiege.“
Nicht: "Ich will an mir arbeiten" sondern: “Ich will aufhören, mich ständig zu übergehen.“
Das ist keine Verweigerung von Entwicklung. Das ist Entwicklung ohne Selbstbetrug.
Beziehung, Trennung, Single – andere Kulisse, gleiche Dynamik
Ob du in einer Beziehung bist, dich gerade getrennt hast oder allein lebst, ändert weniger, als wir oft glauben.
In Beziehungen hofft man, dass dieses Jahr endlich die Wende bringt. Nach Trennungen möchte man möglichst schnell „drüber hinweg“ sein. Als Single fragt man sich leise, ob mit einem selbst etwas nicht stimmt.
Der Status wechselt. Die Beziehung zu dir selbst bleibt.
Und genau dort entscheidet sich, ob das neue Jahr wirklich etwas verändert –oder nur eine neue Runde im alten Muster wird.
Authentisch sein ist kein Wohlfühlversprechen
Authentizität wird gern verkauft wie ein Wellnessprogramm. Frei. Leicht. Wahr.
In der Realität ist sie oft unbequem. Unpraktisch. Manchmal enttäuschend –vor allem für Menschen, die von deiner Anpassung profitiert haben.
Authentisch zu werden heißt nicht, endlich klar und souverän aufzutreten.
Es heißt oft zuerst: nicht mehr so gut zu funktionieren.
Vielleicht reicht das fürs Erste
Vielleicht muss 2026 nicht dein bestes Jahr werden. Vielleicht muss es nur ehrlicher werden.
Nicht lauter. Nicht besser. Nicht optimierter.
Ehrlicher darin, wo du stehst. Was du trägst und was du nicht mehr schönreden willst.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem Vorsatz, sondern mit dem Moment, in dem man aufhört, sich selbst jedes Jahr neu zu erfinden – nur um nicht genau hinsehen zu müssen.
Vielleicht ist das kein Neuanfang, aber es ist ein Punkt, an dem du dir selbst nicht mehr ausweichst und an dem du entscheidest, wie viel Anpassung du dir noch zumuten möchtest.
Bleibe #einzigartigunperfekt.
Deine Anja Praxenthaler




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