Mein Problem hat einen Namen, und es schläft neben mir
Warum es keinen Sinn macht, den Menschen an seiner Seite in der Paartherapie reparieren lassen zu wollen und was stattdessen möglich wird
Vielleicht hast du meinen letzten Artikel gelesen, in dem es um das Gefühl ging, in deiner Beziehung immer öfter jemand zu sein, der du eigentlich gar nicht sein willst. Vielleicht hast du beim Lesen an der einen oder anderen Stelle innerlich genickt und dich wiedererkannt. Und dann kam womöglich, wenn du ganz ehrlich zu dir bist, irgendwann dieser Gedanke: „Ja, schon, aber bei uns ist das anders. Ich bin nicht das Problem. Ich habe ein Problem, und das heißt Thomas.“ Oder Julia, oder wie auch immer der Mensch heißt, mit dem du Küche, Bett und Alltag teilst.
Hand aufs Herz: Wäre es nicht wunderbar, wenn Paartherapie so funktionieren würde wie eine kleine Restaurierungswerkstatt? So eine, in der es nach Holz und Bienenwachs riecht und in der jemand mit viel Geduld und ruhigen Händen alten Lieblingsstücken wieder zu ihrem Glanz verhilft. Du würdest deine:n Partner:in dort vorbeibringen wie ein geliebtes Möbelstück, das über die Jahre ein paar Macken bekommen hat. Du würdest auf die Kratzer zeigen, auf die Schublade, die immer genau dann klemmt, wenn es schwierig wird, und auf die Stelle, an der der Lack stumpf geworden ist. Und vielleicht würdest du dabei ein bisschen wehmütig erzählen, wie schön das alles einmal war. Ein paar Wochen später würdest du dein Lieblingsstück wieder abholen, liebevoll aufgearbeitet und so, wie du es von früher kennst.

Warum dieser Wunsch so verständlich ist und trotzdem nicht funktioniert
Dieser Wunsch ist nachvollziehbar, denn hinter ihm steckt keine Bosheit, sondern die Sehnsucht nach dem, was euch einmal verbunden hat, und oft auch eine große Erschöpfung. Wenn ihr euch schon länger im Hamsterrad derselben Streits dreht, siehst du sehr genau, was dein Gegenüber tut. Deinen eigenen Anteil siehst du viel schlechter, weil sich die eigene Reaktion von innen fast immer wie eine notwendige Antwort anfühlt: „Ich werde ja nur laut, weil er nicht zuhört.“ Dein Gegenüber erlebt dasselbe, nur spiegelverkehrt: „Ich höre ja nur nicht mehr zu, weil sie ständig laut wird.“
In einer Beziehung gibt es deshalb niemanden, der allein in der Werkstatt zurückbleibt, während der oder die andere draußen wartet. Die Kratzer sind im gemeinsamen Alltag entstanden, und ein paar davon stammen auch von dir. Kommst du trotzdem mit deiner Liste in die Paartherapie, spürt dein Gegenüber das sofort. Wer sich auf der Anklagebank fühlt, verteidigt sich oder macht dicht, und dann wird aus der Paartherapie nur eine weitere Runde desselben Streits, diesmal eben mit mir als Zuschauerin. Deshalb bin ich in der Paararbeit auch keine Richterin, die am Ende verkündet, wer recht hat.
Was Eigenverantwortung dir zurückgibt
Eigenverantwortung klingt für viele nach „selber schuld“. Ich meine damit etwas anderes, nämlich die Kraft, die du dir damit zurückholst. Solange dein Gegenüber das Problem ist, liegt auch die Lösung allein auf der anderen Seite, und dir bleibt nur, zu warten, zu hoffen und zu bitten. Wenn du dir dagegen die Latschen der Eigenverantwortlichkeit anziehst, fragst du dich nicht mehr „Warum macht sie das bloß immer?“, sondern „Was passiert in mir, wenn sie das macht, und was tue ich dann, bevor meine Reaktion ungezügelt das Kommando übernimmt?“
Vor der eigenen Haustüre zu kehren heißt nicht, dass die Haustüre deines Gegenübers sauber ist. Es heißt, dass du dort anfängst, wo du wirklich etwas bewegen kannst. Und das ist mehr, als du vielleicht denkst, denn euer Muster habt ihr gemeinsam gebaut. Verändert jemand von euch den eigenen Teil, kann das Muster nicht mehr ganz so weiterlaufen wie bisher.
Eigenverantwortung heißt nicht, alles auszuhalten
Und hier ist mir etwas ganz besonders wichtig, deshalb sage ich es so deutlich, wie ich kann: Alles, was ich über Eigenverantwortung geschrieben habe, gilt nicht für Beziehungen, in denen du abgewertet, gedemütigt, kontrolliert, bedroht oder körperlich verletzt wirst. Dann geht es nicht um deinen Schritt im gemeinsamen Tanz und auch nicht darum, dass du dich noch mehr bemühst, noch mehr reflektierst oder noch verständnisvoller wirst. Dann geht es um deinen Schutz. Niemand verdient so etwas, und keine noch so gründliche Selbstreflexion macht es zu deiner Aufgabe, das zu verhindern. In einer solchen Situation ist Paartherapie zunächst auch nicht der richtige Ort, sondern Unterstützung, die ganz bei dir ist.
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ erreichst du rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 016, und auch für Männer gibt es mit dem Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ unter 0800 1239900 eine Anlaufstelle.
Und wenn dein:e Partner:in gar nicht mitmachen will?
Vielleicht fragst du dich jetzt: „Und was, wenn er oder sie gar nicht mitkommen will? Kann ich dann überhaupt etwas tun, oder bräuchte ich dafür eine Art Fernbedienung?“ Darum geht es im nächsten Artikel, und so viel kann ich dir schon verraten: Eine Fernbedienung gibt es nicht, Fernwirkung aber sehr wohl.
Und falls du und dein:e Partner:in schon jetzt neugierig seid, gemeinsam hinzuschauen: Ich arbeite mit Paaren nach dem ASK-Modell, in einem Rahmen, in dem alle, die zur Beziehung gehören, mit im Raum sind und niemand auf der Anklagebank sitzt.
Bleibe #einzigartigunperfekt.
Deine Anja Praxenthaler




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